Methoden der Gemeinwesenarbeit

Sozialraumanalyse
Expertenbefragung
Bewohnerbefragung
Ressourcenanalyse
Netzwerkarbeit
Öffentlichkeitsarbeit


Standards der Aktivierenden Befragung

Saul Alinsky ,Soziologe und Kriminologe in Chicago/ USA.
1939-1971 Gründung von selbsttragenden Bürgerinitiativen. War tätig im „Back-of-the-Yard-District“, einem Einwandererstadtteil.

Gründung des „Back-of-the-Yards-Counncil“, Initiative von Kirchengemeinden und Gewerkschaften.

Theorie: Gründer des „Community Organizing“. Wandte sich vehement gegen eine individualistische Betrachtungsweise. Nach Alinsky ist die Nachbarschaft oder die Community prägend für die soziale Entwicklung der in ihr lebenden und aufwachsenden Menschen. Informationen werden über Interviews, teilnehmende Beobachtungen und Lebensgeschichten vermittelt. Dies setzt beim Interviewer eine offene Haltung, den Glauben an Veränderungen und Chancengleichheit, Respekt, Neugier und Würde des Menschen voraus. Darüber kann der Interviewer eine Wertschätzung für die im Stadtteil lebenden Menschen erfahren.

GWAler (GemeinwesenarbeiterInnen) sollen sich darüber im Klaren sein, dass sie, wenn sie gut integriert sind, Angehörige zweier Kulturen sind und damit eine Innen- und eine Außenperspektive haben und daraus fruchtbare Erkenntnisse ziehen können.

Im Wesentlichen geht es bei Alinsky um eine Situationsanalyse, die durch kommunikative Prozesse verändert werden kann. Im Mittelpunkt steht als Methode der sokratische Dialog, die Kunst des Fragens. Richtig gestellte Fragen führen in der Reflektion zu Nachfragen und neuen Denkprozessen und letztlich auch zu Handlungen.

Ehepaar Hauser, Soziologen. Tätig in den 60er Jahren in Köln, Osnabrück und London in der Obdachlosenarbeit.

Sie schrieben das Werk „ Handbuch für soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit“. Diesem Werk liegt die grundlegende Erfahrung von Gruppentrainingsprozessen zugrunde.

Durch die Konfrontation mit eigenen Vorurteilen und derer der Gruppe, mit der Erarbeitung gemeinsamer Ziele kann Resignation und Apathie entgegengewirkt werden.

Alf Seippel, Soziologe und Theologe.
Grundlagenerarbeitung zur Aktionsforschung und zur Aktiven Befragung.

Aktionsforschung: Kritische Distanz zum Ehepaar Hauser, die einen zu idealistischen Blick auf die Veränderungsmöglichkeiten von Menschen haben. Seippel nimmt Bezug auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Theoretische Grundlagen sind in dem Buch „Aktivierende GWA“ in den 70er Jahren entstanden.

Ziel der Aktionsuntersuchung sind das Sammeln und Aufbereiten von Daten, Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse und Entscheidungsstrukturen von Meinungen und Verhaltensweisen.

Ein Lernprozess wird in Gang gesetzt, um gemeinsam mit Betroffenen soziale Ungerechtigkeit und Missstände zu beseitigen und dazu entsprechende Vorgehensweisen zu entwickeln. Die Veränderungsbereitschaft an sich wird schon als Aktivierung bezeichnet.

Die Veränderungsbereitschaft wird erreicht durch die gemeinsame Formulierung eines Problems, welches in verschiedenen Gruppenbildprozessen bearbeitet wird.


Methodische Vorgehensweise der Aktivierenden Befragung

1. Voruntersuchung Sozialraum, Klärung des Auftraggebers und Zieldefinition.

Entscheidend für den Verlauf und das Ergebnis der Aktivierenden Befragung ist die Abklärung des Interesses des Auftraggebers und damit verbunden die Frage, mit welcher Zielsetzung die Befragung durchgeführt werden soll. Das bedeutet natürlich auch, dass verantwortlich mit den Ergebnissen der Befragung, die unterschiedlich vom Interesse des Auftraggebers sein können, umgegangen wird.
Nichts ist schlimmer, als Menschen zu aktivieren und sie dann mit den Ergebnissen allein zu lassen.

Das Ziel der Aktivierenden Befragung ist grundsätzlich die Lebenssituation der Bewohner positiv zu verändern. Ist dieses nicht gewährleistet, sollte von einer Aktivierenden Befragung Abstand genommen werden.

In der Voruntersuchung werden Daten, Fakten und persönliche Eindrücke aus der Siedlung gesammelt. In der Sozialraumanalyse werden die harten Daten und Fakten wie Belegungsstruktur, Zustand der Häuser, Förderweg, Bausubstanz, Anzahl der Alleinerziehenden, SeniorInnen, MigrantInnen etc. zusammengestellt.

Die persönlichen Eindrücke werden durch reine Beobachtung zusammengestellt. Beispiele sind: Hier leben viele Kinder, es gibt aber zu wenig oder nicht genügend Spielflächen. Die Hausflure sind verschmutzt, Müll liegt vor der Tür, die Besucher des Cafés beschweren sich lautstark über den Hausmeister, die Nachbarn, etc.

Die Beobachtungen geben weiterhin Auskunft über das emotionale Klima und die Kommunikationsmöglichkeiten untereinander. Die Beobachter werten zuerst einmal nicht, sondern nehmen die unterschiedlichsten Informationen auf.

2. Bildung eines Voraus-Urteils bzw. einer Hypothese.

Die gesammelten Informationen werden ausgewertet und auch bewertet.

Ein Beispiel: Der Anteil von Kindern und Jugendlichen in der Siedlung ist überdurchschnittlich hoch. Die Jugendlichen halten sich überwiegend auf der Straße auf und stören die Anwohner durch lautstarkes Fußball spielen oder durch Vandalismus. Das hier gebildete Voraus-Urteil könnte sein: Es gibt hier ein Jugendzentrum, aber die Jugendlichen nehmen das Angebot nicht an - also entspricht das Angebot nicht dem Bedarf der Jugendlichen. Für alle Beobachtungen können erst einmal Voraus-Urteile, bzw. Hypothesen von Seiten der Beobachter aufgestellt werden.

Um die eigenen Voraus-Urteile zu überprüfen, sollte unbedingt parallel hierzu eine Expertenbefragung durchgeführt werden. Mit Experten sind beispielsweise Fachkollegen aus anderen Einrichtungen im Stadtteil, Multiplikatoren, Geschäftsinhaber, Büdchenbesitzer, Polizei vor Ort und aktive Bürger, die bei den Bewohnern der Siedlung ein positives Image haben, gemeint.

Auch für die Expertenbefragung sollte ein Leitfaden für offene Fragen entwickelt werden. Der Fragebogen dient lediglich der Strukturierung des Gesprächs. Beide Ergebnisse werden zusammengeführt und daraus ein Ansatzpunkt für eine Aktivierende Befragung entwickelt.

Sollte kein Aktivierungspotential vorhanden sein oder eine zu große Apathie vorherrschen bzw. schon im Vorfeld keine Möglichkeit der Umsetzung gesehen werden, ist eine Aktivierende Befragung zum Scheitern verurteilt.

3. Hauptuntersuchung Aktivierende Befragung.

Grundsätzlich ist ein Leitfaden mit offenen Fragen zu entwickeln. Schriftliche Befragungen sind untauglich. Das entscheidende Prinzip bei der Aktivierenden Befragung ist, dass der Fragende prinzipiell „der Unwissende“ ist. Das heißt, dass er einen echten Informationsrückstand hat, zugleich jedoch stark daran interessiert ist, diesen aufzuarbeiten. Die Befragung ist keine Diskussion!

Eventuelle. „Störfaktoren“ wie kulturelle Unterschiede, Bildung und Herkunft sind unbedingt im Vorfeld zu berücksichtigen. Die Befragung sollte zu Zweit durchgeführt werden.

Somit kann sich eine Person auf die Befragung konzentrieren, die andere protokolliert. Wichtig ist, dass die Befragungssituation im Vorfeld in Rollenspielen geübt wird.

Die zu Befragenden werden schriftlich im Vorfeld informiert.

Schema des Fragebogens.

1. Türöffner: Vorstellung, wer man ist und in wessen Auftrag die Befragung sein wird.
2. Mundöffner: Leicht zu beantwortende Fragen.
3. Problemfragen aus der Sicht des Betroffenen.
4. Ideenfragen: Fragen nach eigenen Lösungsvorschlägen.
5. Aktionsfragen: Fragen nach den eigenen Beteilungsmöglichkeiten.

4. Versammlung der betroffenen Bewohner.

Die Bewohnerversammlung muss zeitnah zur Befragung stattfinden. Es ist darauf zu achten, dass die Versammlung an einem zentralen und von Allen akzeptierten und zugänglichen Ort stattfindet. Die Präsentation der Befragungsergebnisse muss so gestaltet sein, dass sich jeder Bewohner mit seinen Anliegen repräsentiert sieht.

Wichtig: Die Erfahrungen in Bewohnerversammlungen zeigen, dass sich Bewohner erst einmal “Luft machen“ wollen. Dieses sollte unbedingt zugelassen werden.

Der Versammlungsleiter moderiert, indem er strukturiert und potentiell interessierte Bewohner unmittelbar einbindet.

Das Ergebnis der Versammlung sollte ein kurz- und mittelfristiges Ziel benennen, welches dann in den zukünftigen Arbeitsgruppen zu bearbeiten sein wird. Die Ergebnisse der Versammlung müssen protokolliert werden.

5. Arbeit der Aktionsgruppen

Sollte durch die Befragung bei den Bewohnern ausreichend Potential zur aktiven Veränderung vorhanden sein, sollten diese Ressourcen zeitnah genutzt werden. Dazu bieten sich die Aktionsgruppen an,

Professor Hinte, Leiter des Instituts für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (ISSAB) in Essen, entwickelte u. a. Standards zur aktivierenden Befragung.
Für Prof. Hinte ist Aktivierende Befragung ein Instrument für eine Grundmobilisierung in einem Quartier und soll eingebettet sein in einem langfristigen Konzept. Die Aktivierende Befragung hat das Ziel, Ressourcen aus dem Stadtteil zu mobilisieren und nicht nur nach den Defiziten zu fragen oder was verändert werden muss.

Grundsätzliches Ziel jeder Befragung soll die Veränderung der Situation im Gemeinwesen im Sinne der Betroffenen sein.