Arbeitsgrundlage GWA (Gemeinwesenarbeit)
Begriffsdefinition.

GWA ist ein Arbeitsprinzip, das im Gegensatz zur klassischen Einzelfallhilfe (Casemanagement) den Einzelnen in seinen sozialräumlichen Bezügen und in den Lebenszusammenhängen sieht:
Wohnen, Arbeit, Gesundheit, Bildung, Freizeit, Kommunikation.

Ziel von GWA ist die Unterstützung von Selbsthilfe, die Förderung von Kommunikationsmöglichkeiten und Stärkung der nachbarschaftlichen Strukturen, der Partizipation der Bewohner und der Aufbau eines unterstützten Netzwerkes.

Historisch gesehen ist der Begriff der Gemeinwesenarbeit im letzten Jahrhundert aus der „Community Organization“ in den USA durch die „Settlementbewegung“ hervorgegangen und wurde stetig weiterentwickelt.

(Informationen hierzu im Link: Geschichte der GWA)

Theorieansätze und Praxiskonzepte

In Deutschland haben die Sozialwissenschaftler Dieter Oelschlägel und Wolfgang Hinte den Arbeitsansatz den bundesrepublikanischen Bedingungen angepasst.

Dieter Oelschlägel spricht von GWA als dritte Methode der Sozialarbeit. Demnach ist GWA ein Arbeitsprinzip

Was ist darunter zu verstehen?
1. Ziel der GWA ist das Gemeinwesen, der Stadtteil mit entsprechenden Nachbarschaften wie. Bewohner und Institutionen.
2. Probleme werden nicht individualisiert, sondern in Kausalzusammenhängen betrachtet und bearbeitet.
3. GWA arbeitet in der Regel Träger- und Zielgruppenübergreifend.
4. Trägerübergreifend bedeutet, die Kooperation und die Bildung von Netzwerken durch Ressourcenbündelungen.
5. Zielgruppenübergreifend bedeutet die Aktivierung des Selbsthilfepotentials durch Ressourcenbündelung.
6. GWA integriert verschiedene Methoden. Klassische Methoden der Sozialarbeit, aber auch Methoden aus der empirischen Sozialforschung wie Befragungen, Bürgerversammlungen etc.
7. GWA versteht sich gleichfalls als politische Bildungsarbeit und macht damit erst politisches und aktives Lernen möglich.
8. GWA bedingt professionelle berufliche Tätigkeit von Sozialarbeitern. GWA ist übertragbar auf alle Arbeitsfelder.

Die Ziele von GWA leiten sich aus einer materialistischen Gesellschaftsanalyse ab. Boulet, Krauss und Oelschlägel gehen davon aus, dass soziale Arbeit hauptsächlich im Reproduktionsbereich des Menschen stattfindet, um die Ware Arbeitskraft zu erhalten: Vergesellschaftlichung des Menschen - der Mensch muss funktionieren. Um die in diesem sozialökologischen Kontext entstandenen sozialen Problemlagen bearbeiten zu können, muss sich Sozialarbeit an dem Lebensumfeld der Betroffenen orientieren. Die Integration verschiedener Methoden macht politisches Lernen, Handeln und Denken möglich und führt zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen.

Grundsätzlich geht Dieter Oelschlägel davon aus, dass Armut ein sozialräumliches Problem ist. Benachteiligte Stadtteile entstehen durch Segregation und können sich zu sozialen Brennpunkten entwickeln. Für die betroffenen Bewohner ist der Stadtteil im Hinblick auf einen Ort der Existenzsicherung, einem Ort des Wohnens, einem Ort des sozialen Austausches und der Teilhabe eine wichtige Ressource des Überlebens.

Deshalb richtet sich die Methode der Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip auf den gesamten Stadtteil. Das Ziel ist, die Ressourcen (Aktivierung) zu nutzen und sich nicht an Defiziten zu orientieren.

Was ist Gemeinwesenarbeit?

Die Autoren haben Ordnungskriterien entwickelt, die der Systematisierung der Arbeit dienen sollen.

Territoriale GWA
Damit wird das Gemeinwesen als sozialräumliches Gebilde, als sozialökologischer Raum begriffen, der vorgegeben ist. (Nachbarschaft, Siedlung, Stadtteil).

Was ist Aufgabe von GWA? Öffentlichkeitsarbeit, Schaffung von Kommunikationsstrukturen (Stadtteilkonferenzen), Imagepflege, Mitbestimmungsmöglichkeiten für Bewohner installieren.

Funktionale GWA
Hiermit sind die Lebensbedingungen der Bewohner gemeint. Untersucht wird die soziale Infrastruktur hinsichtlich der Wohnsituation, des Verkehrs, der Einkaufsmöglichkeiten und der Angebote im Freizeitbereich.

Was ist die Aufgabe von GWA? Bedürfnisse der Bewohner erfragen und Aktivierung, um Mitbestimmung zu erreichen. (Mieterräte, Planungsinitiativen etc.)


Kategoriale GWA
Damit werden die unterschiedlichen Gruppen im Gemeinwesen nach Alter, Geschlecht, Nationalität etc. untersucht.

Was ist die Aufgabe von GWA? Die Informationen dienen der Zielgruppenarbeit und als Basis für einen langfristig angelegten Gemeinwesenprozess.

Stadtteilbezogene soziale Arbeit (SSA) nach Wolfgang Hinte
W. Hinte und F. Karras entwickelten im Jahr 1988 den Arbeitsansatz stadtteilbezogener sozialer Arbeit. SSA baut auf der katalytisch- aktivierenden Gemeinwesenarbeit auf.

Grundlegende Prinzipien
Orientierung an der Wohnbevölkerung. Die Bewohner eines Wohnquartiers werden direkt befragt, statt Spekulationen darüber anzustellen, was sinnvoll für sie sein könnte.

Nutzung der Ressourcen des Stadtteils: Die Ressourcen des Stadtteils werden in möglichst hohem Maße genutzt und im Interesse der Bewohner mit den schon im Stadtteil vorhandenen kommunalen Dienstleistungen verknüpft. So wird z. B. eine Hausaufgabenbetreuung nicht von auswärtigen Honorarkräften, sondern von den Bürgern des Stadtteiles geleistet.

Unterstützung von Selbsthilfekräften und Eigeninitiativen: Bei allen Aktivitäten sollen immer die Aktivierung und Mobilisierung der Selbsthilfekräfte sowie die Eigeninitiative der Bewohner im Vordergrund stehen. Gruppierungen sollen angeregt und nie bevormundet oder geleitet werden.

Zielgruppenübergreifendes Arbeiten: Es wird nach Kristallisationspunkten für Aktivitäten gesucht an denen sich möglichst viele Bewohner beteiligen können.

Dabei sind zielgruppenspezifische Aktivitäten nicht ausgeschlossen, finden aber im Kontext vielfältiger anderer Aktionen statt und erhalten so einen anderen Stellenwert und eine höhere Qualität.

Kooperation und Vernetzung der Arbeit: Wesentlicher und zentraler Bestandteil der Arbeit sollte die Organisation der Kooperation unter den Trägern sozialer Dienste und anderer Organisationen wie Vereine, Kirchengemeinden usw. im Stadtteil sein, sowie die Verknüpfung der Aktivitäten von anderen kommunalen Dienststellen, wie auch Planung im politischem Raum. Dieses kann im Kontext von Bürgerinitiativen, zahlreichen Kontakten zu anderen Institutionen und politischen Entscheidungsinstanzen ablaufen.